24.11.2018

Youtube - die gescheiterte Musik-Plattform

Die Bühne ist tot –
es lebe die Bühne!

Die „Bretter, die die Welt bedeuten“ sind heute Glasfaser-Kabel. Das Konzept „Bühne“ ist für den musikalischen Nachwuchs dem Anschein nach ins Internet gewandert. 

Was früher Jugendzentrum, Schulfest und Bandwettbewerb war, sind heute soziale Medien und Streamingplattformen. Den Algorithmus freuts – doch der eigenen Musik-Karriere macht dieser Masterplan den gar aus noch bevor sie begonnen hat.

„Digitale Bühne“... von wegen!

Vor kurzem hat mir ein Veranstalter, der vor allem in der Pop-Musik Jugendarbeit unterwegs ist, eine alarmierende Geschichte erzählt: „Es ist so schwer geworden, überhaupt Bands und Künstler für Nachwuchsfestivals zu finden.“ Ein alarmierender Trend zeichne sich ab, „fast so, als ob keiner mehr auf die Bühne möchte“.
Sieht so die Zukunft aus? Der musikalische Nachwuchs
traut sich nicht mehr auf die Bühne.

Früher – also vor der Digitalisierung von Musik – war eine musikalische Karriere ohne Live-Präsenz schlicht nicht denkbar. Nur wer sich von kleinen Bühnen zu den großen „hochspielte“ konnte den Traum von der eigenen Musikkarriere immer weiter ausleben. So machten es die Beatles, die Stones… später wurden die Acts größer, mit ihnen auch die Bühnen.

Der Algorithmus kennt kein Talent

Inzwischen ist Youtube zur größten Bühne der Welt geworden und bietet (noch) Musik aller Genres und Sparten vergleichsweise einfach und kostenfrei zugänglich für jeden User. Viele "Youtube-Stars" geben den Masterplan vor: Wenn der Channel erst performt, wird der „Vertriebskanal“ Live-Auftritt etabliert. So lautet das Fazit des Konzert-Veranstalters: 

„Es ist viel einfacher und bequemer, seine Musik im Internet zu präsentieren und erst auf die Bühne zu gehen, wenn die ,kommt gut an'-Garantie steht.“  

Doch genau in dieser Vision liegt eine große Gefahr für kleine Acts. Auch wenn sich Youtube selbst gerne als „Nachwuchs fördernd“ geriert – der Algorithmus erkennt kein verborgenes Talent. Im Gegenteil: Er hat das Zeug dazu, großartige Musikkarrieren bereits im Keim zu ersticken.
Fame vs Kunst - Gitarre auf Youtube
Wenn Künstler in die Fame-Falle tappen: Nirgends ist Musik
so vom Mainstream abhängig wie auf Social Media Plattformen

Willkommen im Fame-Dschungel

Zwar bietet Social Media auch Außenseitern und Exoten eine große Plattform – doch individuelle Förderung, Starthilfe, ein „an die künstlerische Vision glauben“ kann Software nicht. Es gibt so viele, so unendlich viele hochkarätige Videos mit großer, ganz großer Musik... die trotzdem keiner kennt, weil sie im Fame-Dschungel schlicht ins mediale Unterholz verdrängt werden.

So wird die „neue Bühne“ Youtube schnell zur emotionalen Fingerfalle für den Künstler: Je mehr Du mit Deinen Veröffentlichungen auf Reichweite und Anerkennung abzielst, umso größer ist der Anpassungsdruck der Like-Kultur. Nirgends hingen Musiker mehr am Tropf des Mainstreams als in der scheinbar unendlichen Vielfalt sozialer Medien. Mehr Kreativitäts-Killer geht nicht.

Offline ist die neue Nische

Die Gute Nachricht lautet: Ein echter Stimmungstest findet im Web nicht statt. Live-Auftritte bleiben die Nagelprobe für den Künstler – und bieten damit inzwischen wieder genau das, womit Internet-Plattformen einst angetreten waren: ein publikumswirksames Forum für individuelle Selbstdarstellung.

Das Mantra musikalischer Jugendarbeit muss also lauten: Offline ist das neue Online! Denn nur im unberechenbaren Exzess der „echten“ Bühne findet der künstlerische Prozess von Musik seine elektrisierende Klimax. Youtube ist erst der drölfte Schritt.

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