16.03.2014

Spontanität trainieren

Das gewisse "Etwas"

"Spontan Sein" – nichts leichter als das. Wenn Musiker losgelöst improvisieren und dabei wie von "Zauberhand" scheinbar jeden Ton mühelos vortragen, sieht das aus, als gäbe es nichts leichteres.

Doch wer sich schon einmal an einer Improvisation versucht hat, merkt: Leicht ist das nicht. Skalen und Licks sind vielleicht im Repertoire, erste Songs bereits gespielt – aber etwas scheint noch zu fehlen. Wo und wie man dieses "Etwas" finden kann, zeigt Andreas Wolf auf in seinem Buch "Spontan Sein – Improvisation als Lebenskunst" – und gibt Tipps in diesem Interview.

Keine Angst vorm Mittelmaß

Improvisation als Lebenskunst - Das Interview zum Buch
Gery: Fordert man Gitarristen auf: "Spiel mal was!", bleiben die meisten spontan stumm. Warum?
Andreas: Das betrifft nicht nur Gitarristen sondern wahrscheinlich die meisten Menschen: Sie sind blockiert. Sie beschäftigen sich mit allem Möglichen, nur nicht mit ihrer Aufgabe. Sie denken beispielsweise darüber nach, ob ihre Idee gut ist. Aber da ist der Moment schon vorbei. In meinem Buch geht es gerade darum, zu zeigen, wie Du eine Grundlage für Spontaneität schaffen kannst.

Du schreibst "keine Angst davor zu haben, "mittelmäßig" zu sein", um spontan sein zu können. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Nein, denn es geht darum, das Bewerten nicht überzubewerten. Die Aufforderung "sei spontan" deuten wir innerlich häufig um zu: "Zeig etwas Besonderes!" – und das hindert uns daran, einfach loszulegen. 

Chaos und Ordnung

Das sagt sich leicht – wie siehts mit der musikalischen Praxis aus?
Mit dem fastfood theater spielen wir auch improvisierte Opern. In den Trainingseinheiten geht es auch darum, aus wenigen Vorgaben spontan Musik zu schaffen: "Singe Deine Arie nur mit einem Wort!" - das schafft Freiraum für Gefühl, Klangfarbe und schließlich neue Ideen.

"Basis für Spontaneität schaffen":
Andreas Wolf, Buchautor und
Gründer des fastfood theaters
Klingt das nicht machmal schräg?
Das kann vorkommen. Es braucht eben Mut zur Einfachheit! Allerdings kann auch aus scheinbarem Chaos viel Neues entstehen. Spontan sein heisst, sich selbst zu erlauben irgend etwas zu tun – das kann auch ganz banal sein und nicht zwingend "etwas Besonderes". Um Kreativität Freiraum zu verschaffen, sollten schräge Töne nicht im Weg stehen. 

Spontanität – live im Proberaum!

Welche Übung aus Deinem Buch wäre für Gitarristen besonders interessant?
Wer viel nach Noten spielt oder glaubt, an einem "gewissen Punkt" "irgendwie festgefahren" zu sein, könnte Gefallen finden an der Übung "Chaos und Ordnung". Dabei geht es darum, mit geschlossenen Augen durch Klatschen in der Gruppe einen gemeinsamen Rhythmus zu finden und zu "erfühlen" wann die Gruppe als nächstes klatscht. Ziel ist, dass alle gleichzeitig klatschen.

Kann das auch am Instrument funktionieren?
Wenn ich mit meiner Konzentration im Außen bin, und die anderen auch, entsteht in einer Gruppe ein gemeinsamer Rhythmus, den man als einzelner nicht steuern kann. Man kann so auch gemeinsam Musik machen. Zunächst indem jeder einzeln versucht im "gefühlt" richtigen Moment mit seinem Instrument einen musikalischen Impuls zu setzen. Das kann ein Akkord, ein Ton oder ein Trommelschlag sein, immer wieder und wieder. Das Ensemble wird versuchen, einen gemeinsamen Sound zu finden – dabei können sich ganz neue Musikwelten auftun.

Andreas Wolf ist Gründer des fastfood theaters und der ersten Improschule in Deutschland. In "Spontan Sein – Improvisation als Lebenskunst" erläutert er, warum wir spontan und gleichzeitig blockiert sind. In dem Buch stehen auch viele praktische Übungen um Spontaneität zu trainieren.

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